Morgen abend ueberqueren wir die Ziellinie in Salvador da Bahia, Brasilien. Nach 4763 Seemeilen werden wir unsere Segel bergen, die uns bis hier her gebracht haben.
Ich schreibe euch jetzt schon, da sich unsere Batterien total entladen haben. Wir haben keinen Diesel mehr, um sie zu laden. Die letzten 24 Stunden werden wir auf klassische Art und Weise hinter uns bringen. Wir navigieren mit Kompass und Karte. Unseren Autopilot haben wir schon ausgeschaltet.
Nach 28 Tagen auf dem Meer endet dann hier unser kleines Abenteuer. Und fuer mich ging damit ein Traum in Erfuellung: Eine Transatlantik - Ueberquerung, Non Stop im Rennmodus. In dieser Zeit war Mowgli unser schaukelndes Zuhause. Um uns herum gab es nur Wasser, viel Wasser, Wind, viel Wind oder auch keinen Wind. Wir passten uns den Elementen an, jonglierten und spielten damit, um in diesem Dschungel vorwaerts zu kommen. Ab und an kreuzten fliegende Fische, Delfine, Wale und Frachtschiffe unsere Wege. Das war's dann aber auch schon. Wir waren auf uns alleine gestellt. Weit und breit gab es nur David und mich, und das endete nicht im Chaos, sondern klappte hervorragend. Die Kraft, den Mut und die Ausdauer fuer dieses Gelingen habt ihr uns gegeben. Ihr habt an uns geglaubt, und das hat uns in der langen Zeit sehr bestaerkt.
Wir segelten sehr gut, und versuchten immer das Maximum! In diesen langen Wochen erreichten wir ganz klar unsere sychischen und physischen Grenzen. Doch an Aufgeben dachten wir nie. Fuer uns gab es nur ein einziges Ziel: Ankommen und Samba tanzen!
Der Start in Le Havre war bombastisch. Wir waren vorne, nur nicht lange! Im Aermelkanal waehlten wir eine Option (Wetterroute), und hatten prompt Pech. Wir fanden uns in der Flaute, und verloren den Wind. Wir erlebten eine windstille Biskaya, wie sie wahrscheinlich noch niemand zuvor erlebt hatte. Am Cap Finisterre ging es dann aber zur Sache, wir surften auf Riesenwellen mit 18 Knoten Fahrt. Wir tasteten uns heran, doch die Aufholjagd hatte bald sein Ende. Flauer Wind bis zu den kanarischen Inseln. Die Nordostalizen (Winde) bei Portugal bis Nordwestafrika, auf denen eigentlich immer Verlass ist, hatten sich schon verausgabt. Weiter im Westen stand ein Tiefdruckgebiet, davon konnten wir aber nicht profitieren. Wir entschieden uns, Winde an der mauretanischen Kueste zu suchen, erhaschten deren Auslaeufer, die uns in den Sueden brachten. Wie vom Pech verfolgt, drehten die Winde. Die Kapverden wollten wir ansteuern, um weiter im Westen den Equator zu passieren. Dort war der Wind, und das Tor in die suedliche Hemisphere. Wir wussten es, konnten aber diesen Kurs mit den gegebenen Bedingungen nicht halten. Eine neue Option musste also her, und die lautete "Pot au Noir" im Zentrum passieren. Wir setzten alles auf eine Karte. Wir waren die einzigsten Verrueckten, die diese Route waehlten, und darin sahen wir auch unsere letzte Chance verlorenen Boden wieder gut zu machen. Dieser Plan ist fehlgeschlagen. Ab dem Equator flogen wir geradezu dem Ziel entgegen. Wir hatten zum ersten Mal Mowgli Wetter! In 4,5 Tagen machten wir 1000 Seemeilen - das ist top!
Das ist der Segelsport, die Ersten haben immer den Wind. Und die alten und abgezockten Seewoelfe liessen den Jungen im Rennen keine Chance. Aber, was viel, viel wichtiger ist, wir lernten eine Menge dazu, und sammelten wertvolle Erfahrungen.
Wir erreichen Salvador da Bahia mit 19 l Trinkwasser, 5 Energieriegel, 2 Zigaretten... Proviant ist komplett aufgebraucht.
Unsere Haut ist von Sonne und Salzwasser gezeichnet. Wieviel Kilo wir in dieser Zeit verloren haben, weiss ich nicht. Kein Gramm Fett ist mehr auf den Rippen. Die Muskulatur unserer Beine hat sich abgebaut. Wir sind schon fast ein Pflegefall
So;
Der Ablauf der naechsten Tage ist ganz einfach:
Essen, trinken, schlafen, und segeln auf keinen Fall!
Am 4. Dezember geht es dann schon nach Paris auf die Bootsmesse, bevor ich dann nach Tunesien zurueckkehren werde. Den Rest der Meute sehe ich dann ueber Weihnachten in Deutschland.
Vielen lieben Dank an euch alle,
bis bald,
Florian und David
Diese Email schrieb ich vor 2 Tagen waehrend meiner Nachtwache. Im Vorwissen, dass ich in den Tagen nach der Ankunft keine klaren Gedanken haben werde.